Tour Länge: 21,3 km (von Kirchberg rauf aufs Horn)
Durchschnittsgeschwindigkeit: 12,4 km/h
Höhenmeter: 1260 hm
Zeit vom Beginn der Steigung bis zum Gipfel: 44 Minuten (inkl. 4 Minuten Pause
an der Gipfelstation der Goldelbahn)
Details zur Tour auf
Komoot.de
Ich habe die Strecke extra zwischen Auf- und Abfahrt geteilt, um die reinen
Anstiegzeiten unverfälscht zu haben. Die Abfahrt zurück nach Kirchberg habe
ich extra aufgezeichnet.Wenn die Großglockner Hochalpenstraße
in der Rennrad Schule der Schulabschluss ist, dann ist das Kitzbüheler Horn
sicherlich die Reifeprüfung. Der steilste Radberg Österreichs sollte am 29.9.
mein Ziel und gleichzeitig auch der, aus der Sicht des Rennradfahrers, Höhepunkt
eines herrlichen Tirol Urlaubs sein. Hoch ist mein Respekt und entsprechend
langsam und auch etwas nervös lege ich die Strecke von Kirchberg nach Kitzbühel
zurück und prompt verfranse ich mich im Straßen-Wirrwarr von Kitzbühlel. Doch
bald bin ich auf der Bundesstraße nach St. Johann im obligatorischen Stau.
Ein unscheinbares Verkehrsschild weist auf die Panoramastraße aufs Kitzbüheler
Horn hin - es wird ernst.
Fast unvermittelt gehen die Steigungsraten in den zweistelligen Bereich und
lassen in mir eine Vorahnung aufkommen, was auf mich wartet. Ich fühle mich ein
wenig an die alte Turracher Straße in Kärnten aus meiner Jugend erinnert.
Gnadenlos klettert die Straße auf den Berg und fast unvermittelt fange ich mit
einer zu schnellen Atemfrequenz an. Erste Zweifel machen sich in mir breit und
sie werden durch den Blick auf mein Ziel, den markanten Turm am Horn, bestärkt.
Ich muß meinen Kopf weit in den Nacken legen, um auf den Gipfel einen Blick zu
werfen - und da muß ich rauf. Ein Blick auf die Kasette an meinem Hinterrad -
ah, was bin ich doch für ein Dummian, ich habe ja noch ein Ritzel, also nichts
wie rein mit dem Bergritzel - vorne 34 Zähne und hinten 32 Zähne. Diese
Einstellung sollte ich in den nächsten 44 Minuten auch beibehalten.
Knallhart geht es bergan mit einer durchschnittlichen Steigung von 12,5%. Mein
Kopfkino hört sehr schnell auf, zu senden und rasch komme ich in meinen
Bergmodus rein. Ohne nachzudenken stimme ich meine Atemfrequenz ab und gehe mit
der Leistung auf ein Level, welches ich auch für längere Zeit halten kann. Die
anfangs hektische Atmung beruhigt sich im gleichen Maß, wie sich auch mein Geist
beruhigt. Es macht sich Stille in mir breit, nur unterbrochen von den tiefen
Atemzügen und dem genüsslichen Ausblicken ins Tal, die mit jedem Höhenmeter
eindrucksvoller werden.
Bald fahre ich an der Mautstation vorbei, kurz kommt in meinem Kopf der Gedanke,
daß es ja so was wie eine permanente Zeitnehmung geben soll, für Radfahrer.
Aber, offen gesagt, ist mein Interesse daran nicht so groß, ich fahre nicht
gegen mich, nicht gegen andere sondern für mich und möchte diesen Berg nicht nur
bezwingen, sondern den Weg dorthin auch genießen. Ich habe auch keinen Bock
darauf, den gleichmäßigen Tritt zu unterbrechen - also weiter bergan!
Viele Radfahrer sind auf der Strecke aber fast nur Mountainbiker und ein E-Biker
(von dem später). Als ich an einer Radgruppe vorbeifahre, natürlich mit
freundlichem Gruß, ertönt von hinten die Frage: " Wo hast Du denn den Motor
eingebaut?" - Ich muß herzlich lachen und ruf zurück - .. "In meinen Wadeln und
die Steuereinheit ist im Kopf". Herzliches Gelächter folgt mir am Weg weiter zum
Gipfel. Höhenmeter um Höhenmeter geht es rauf, die Luft wird merklich kühler.
Die äußeren Bedingungen sind einfach optimal mit einer Temperatur im Tal von
etwa 17 Grad und auch die innere Einstellung stimmt. Mein Körper funktioniert
wie ein Uhrwerk und meine Gedanken sind fokussiert, wie schon lange nicht mehr.
Eine tolle Motivation für mich sind auch die Schilder am Straßenrand, die die
verbleibende Strecke bis zum Alpenhaus anzeigen. Dass das Alpenhaus für mich
nicht der Schluss ist, blende ich kurzerhand aus. Wie leicht beeinflussbar der
menschliche Geist doch in solchen Extremsituationen ist. Ein Schild am
Straßenrand holt mich raus, aus meinen Gedanken - 22,3% - ja wirds noch steiler
??? Es wird !!
Nun ist Ende mit dem Genuss und auch die meditative Stimmung wird erstmal
beiseite gelegt. Zähne zusammen beißen und sich quälen. Der Sieg über das Horn
wird nun mal nicht "ermeditiert" er wird erkämpft. Und wie ich kämpfe. Wieder
flackern kurz meine Jugenderinnerungen an die Turracher Höhenstraße auf. Ja so
muss es gewesen sein, vor über 30 Jahren, als ich mich mit dem Rennrad dort
raufgekämpft habe. Ein anderer Gedankenblitz - mann wie leicht war es doch auf
rauf auf den Glockner - für mehr als Gedankenfetzen ist kein Platz denn der Rest
wird voll von dem Kampf gegen den Berg eingenommen. Keinen Blick habe ich mehr
für das großartige Panorama, für die Kühe .. es gibt nur mehr den Berg und mich
und ich will da rauf - koste es was es wolle.
Und dann ist es vorbei. Der immense Druck auf die Beine und
auf mein Kreuz lässt nach und langsam normalisiert sich die Atemfrequenz wieder.
Das schlimmste ist vorbei, denke ich. Die letzten Serpentinen rauf zum Alpenhaus
trete ich, wie in Trance. Fast erschrecke ich, als ein Radler mit hoher
Geschwindigkeit an mir vorbeizieht. Ah - ein E-Bike, na klar so kann es jeder.
Und weiter gehts. Ich habe kein Zeitgefühl mehr doch plötzlich stehe ich oben am
Alpenhaus. Nur kurz blitzt in mir die Versuchung auf, hier die Tour zu beenden.
Also rüber mit dem Rad über die Schranke und rein in die Klickpedale - bei ca.
15% Steigung kein leichtes Unterfangen aber ich schaffe es. Und dann wird es
richtig übel. Ich weiß nicht, was schlimmer ist - der Schotter auf dem Weg, die
Kuhfladen oder einfach diese üble Steigung. Ich leide jedenfalls mehr, als bei
der bisherigen Auffahrt. Trotzdem habe ich die Energie, die Leute am Weg zu
grüßen. Zu meiner Überraschung bringt mir das viel, denn es kommt viel zurück.
Bemerkungen wie ...
... Top Leistung - Respekt !!
... Kommst Du wirklich von ganz unten - Wow !!
... Hey der kann ja noch reden !!
... Schauts Euch diese Wadeln an !!
... treiben mich weiter und weiter bergan, dem Turm entgegen, der immer näher
rückt. Die Straße aufs Horn - eine Straße ohne Erbarmen. Die Steigung bleibt im
zweistelligen Bereich bis zum letzten Meter. Doch irgendwann ist es geschafft.
Es ist vorbei, ich kann es kaum glauben. Ich bin ganz oben und ein immenses
Glücksgefühl macht sich in mir breit. Es ist eine tiefe Befriedigung. Ich habe
nicht über mich gewonnen, ich habe mit mir gewonnen und ich habe nun eine
Erinnerung, die mich mein ganzes Leben begleiten wird. Die nun folgenden
Aufnahmen zeigen das herrliche Panorama am Gipfel. Das innere Gefühl kann man
nicht ablichten aber jeder, der mit dem Rad am Horn war, kann es, denke ich, mit
mir teilen. Klickt einfach in die Aufnahmen, dann kommen die größeren Versionen.
Grandioses Bergpanorama am Horn
Am Berg angekommen - Glücksgefühl pur
Der Blick auf den Pass Thurn und die Venedigergruppe im Hintergrund
Ein kleiner Eindruck von der Steilheit des Berges - von da komm ich her
Der Blick auf den Wilden Kaiser - ein echter Kaiserblick
Das folgende Foto ist eine ganz besondere Erinnerung. Das ist der E-Biker, der
mich vor dem Alpenhaus überholt hat. Der Mann ist 84 Jahre und er hat mir
erzählt, bis 80 ist er noch ganz ohne Motor da hochgefahren. Spontan bitte ich
ihn, sich mal vor die Berge zu stellen, ich möchte ihn fotografieren. Denn, er
ist für mich ein ganz großes Vorbild. Wenn ich es schaffe, mit diesen vielen
Jahren am Buckel, das zu machen, dann, denke ich, habe ich alles richtig
gemacht.

Die Abfahrt vom Horn ist kaum erwähnenswert. Es ist eine Bremsenschlacht und
erfordert hohe Konzentration. Ich glaube, meine Fahrradbremsen werden sich an
diesen Ritt runter ins Tal länger erinnern, als ich. Aber eines ist sicher -
Horn - du siehst mich wieder!
Wolfi
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